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Vom Poesiealbum zum Freundschaftsbuch

  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

als wir Freundschaften noch mit Alben sammelten statt in sozialen Netzwerken


Zugegeben, der Spruch ist nicht gerade hohe Lyrik. Aber so oder so ähnlich lauteten sie doch jene Sätze, die die Eingangsseiten der Stammbücher oder Poesiealben unserer Jugend zierten – damals in den 80er-Jahren. Und waren sie nicht bezaubernd? Diese kleinen Büchlein mit den anfangs so schmucklos weißen Seiten, in die unsere Freunde Widmungen und Sinnsprüche eintragen konnten. 


Warteten wir nicht immer schon sehnsüchtig darauf, sie zurückzubekommen, um nachzusehen, was dem oder der Schreibenden zu uns eingefallen war? 



Geschrieben wurde rechts, gezeichnet links


Ausschnitt Poesie Album

Zu sehen, wie sich nach und nach die Seiten füllten, das hatte doch was. All die kleinen Kunstwerke – in schönster Handschrift verfasst und hingebungsvoll gezeichnet. Denn ganz gleich, ob der Schreiberling sich für gereimte Verse, eine volksnahe Lebensweisheit oder ein kryptisches Dichter-Zitat entschieden hatte: Ohne optische Veredelung war der Eintrag nicht vollständig. 

Und so schmückten abgepauste Landschaftsbilder, freihändig gezeichnete Ornamente, Scherenschnitte oder glitzernde Klebebildchen die linken Seiten des Erinnerungsbüchleins, während das geschriebene Wort in aller Regel die andere Seite zierte. 


Die sorgfältig gearbeiteten Einträge waren ein funkelnder Schatz im Selbstbewusstsein unseres jungen Ichs. Spiegelte er doch direkt proportional den eigenen Beliebtheitsgrad wider: Je zahlreicher und schöner die ästhetisch-kreativer Inputs, desto mehr Punkte auf der Freundschaftsskala, so die unausgesprochene Formel. Umgekehrt musste man sich natürlich ebenfalls von seiner besten Seite präsentieren: Also zeichneten, verzierten und klebten wir, was das Zeug hielt. 



Statt Poesiealbum gibt’s heute Social Media


Wie gesagt, das war in vergangenen Zeiten. Heute ist die Popularität der kleinen poetischen Alben nicht mehr groß. Vor allem im Gymnasialalter sind analoge Freizeitbeschäftigungen (vielleicht abgesehen von Sport) nicht der Renner. Zu anziehend sind die Verlockungen der virtuellen Welt – und Freundschaften sammelt die Jugend, und nicht nur die, heute sowieso am liebsten auf Instagram & Co. 


Dennoch: Vollkommen von der Bildfläche verschwunden sind sie nicht. Immer noch gibt es sie zu kaufen, mitunter auch noch in optisch ganz ähnlicher Form wie früher. Vielleicht wäre es ja eine Idee, wieder ein Poesiealbum zu führen und Freundschaften auf diese Art zu beginnen als durch ein paar Klicks auf Facebook? Herausheben aus der Masse würde uns das, jede Wette. 

Vielleicht sollten wir uns dazu ein Beispiel an unseren Kindern nehmen. Ein enger Verwandter des Poesiealbums, das Freundschaftsbuch, erfreut sich schließlich auch heute noch großer Beliebtheit. Passend für Volksschüler sind die Seiten zwar nicht unbefleckt weiß, sondern ganz im Gegenteil oft wenig fantasievoll strukturiert: Name, Hobbys, Lieblingsspeise – der Aufbau ist immer ähnlich. Meist bleibt dann aber irgendwo noch Platz für freie Assoziationen: Ein Bild, ein Spruch – ein bisschen Poesie im Kleinen eben. 


Und die Freundschaften? Die halten nicht selten viele Jahre und Jahrzehnte lang. Blättert doch einfach in euren Poesie-Alben.



Handschrift Wissen

Die Anfänge des Poesiealbums


Poesiealben haben ihren Ursprung im 16. Jahrhundert im Stammbuch oder sogenannten „album amicorum“, dem Freundschaftsalbum. Lange Zeit verwendeten es ausschließlich Studenten, die es an ihre Professoren und Studienkollegen weiterreichten, damit diese ihnen darin – neben Wappen und Signatur – persönliche Wünsche oder Zitate widmeten.


Es war ein Zeichen der Wertschätzung und eine Art Statussymbol: Wer viele solcher Einträge vorweisen konnte, genoss Ansehen. Zugleich diente das Büchlein als Empfehlungsschreiben und öffnete so manche Tür. 



Im Laufe des 18. Jahrhundert wurden Stammbücher und Freundschaftsalben auch außerhalb des universitären Umfelds gebräuchlich und hielten über den privaten bürgerlichen Bereich bis ins

19. Jahrhundert in breite Gesellschaftsschichten Einzug. Die Einträge wurden bunter, sodass statt Wappen und allegorischer Zeichnungen nun vermehrt Landschafts- und Pflanzenbilder die schriftlichen Einträge ergänzten, bei vielen Damen auch getrocknete Blumen, Seidenstickereien und geflochtene Haarlocken.



Wieder ein Jahrhundert später erweiterte beziehungsweise veränderte sich der Benutzerkreis der Büchlein nochmals beträchtlich. Waren es lange Zeit hindurch ausschließlich Erwachsene, die Poesiealben führten, begannen nun Kinder die Alben für sich zu entdecken.


Der Hintergrund blieb freilich gleich: Man sammelte mit den Alben Freundschaften. Und wer es deswegen als Urform des Netzwerkens bezeichnen wollte, läge damit sicher richtig.

 
 
 

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